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Chance erkannt oder Chance verpasst?

Seit der Internationalen Süßwarenmesse 2014 in Köln ist es offiziell:
Fairtrade Deutschland hat mit den neuen Programmen für Kakao, Zucker und Baumwolle einen neuen Weg eingeschlagen.
Im Unterschied zum bekannten Fairtrade-Produkt-Siegel handelt es sich um einen ganz anderen Ansatz. Was die neuen Programme konkret für Kakao bedeuten, welche Entwicklungen erwartet werden und welche Befürchtungen es gibt, erfahren Sie hier.

Foto: El Ceibo, Kakao-Genossenschaft in Bolivien und langjähriger GEPA-Handelspartner.
Auf dem Foto zu sehen ist Bernardo Apaza, Mitglied und Vertriebsleiter der Kakao-Genossenschaft El Ceibo.

Fairtrade-Programme - was heißt das eigentlich?

Foto: GEPA/ A. Welsing

Die Fairtrade-Programme gibt es für Kakao, Zucker und Baumwolle. Aktuell werden die Programme aber zunächst für die Rohware Kakao angewandt (Stand Mai 2014). Konkret heißt das: Unternehmen verpflichten sich, eine „relevante Menge“ an Kakao aus Fairem Handel einzukaufen. Was „relevant“ ist, wird mit dem Unternehmen ausgehandelt.
Die einschneidenste Veränderung zum bisherigen Fairtade-Produkt-Siegel besteht darin, dass es genügt, wenn eine einzelne Zutat, also der Kakao, Fairtrade-zertifiziert eingekauft wird. Auch wenn es andere Zutaten Fairtrade-zertifiziert gibt, müssen diese nicht zu Fairtrade-Bedingungen eingekauft werden.
Das liegt daran, dass es beim Fairtade-Kakaoprogramm nicht um das gesiegelte Endprodukt geht, sondern nur um eine Einzelzutat. Konkret heißt das: Ein Unternehmen kauft beispielsweise von einer Kakao-Genossenschaft den Kakao zu Fairtrade-Bedingungen ein. Den Zucker aber kauft das Unternehmen von einem konventionellen Händler. Obwohl Zucker ja eine wichtige Zutat in der Schokoladenproduktion ist. Damit setzt das Programm einen wichtigen Grundsatz von Fairtrade außer Kraft. Nämlich den, dass alle fair gehandelten verfügbaren Rohstoffe, wie beispielsweise Kakao und Zucker, in der Schokolade verarbeitet sein müssen.
Beim Fairtrade-Kakaoprogramm reicht es, wenn nur der Kakao in einer bestimmten Menge fair eingekauft wird.

Das neue Programm-Siegel

Foto: Fairtrade Deutschland

Bei den neuen Programmen geht es um den Rohwaren-Einkauf einer einzelnen Zutat und nicht um das Endprodukt, wie es beim Fairtrade-Siegel der Fall ist. Entscheidend ist nicht, ob am Ende alle Zutaten, die es Fairtrade-zertifiziert gibt, auch so eingekauft wurden. Es ist auch nicht entscheidend, für welche Produkte die fair gehandelte Rohware eingesetzt wird.

Es genügt, dass eine Rohware, bzw. eine einzelne Zutat, Fairtrade-zertifiziert ist, ganz gleich, für welche Produkte diese Rohware eingesetzt wird. Die anderen Zutaten spielen keine Rolle. Das Programm-Siegel kann, muss aber nicht auf Produkten abgebildet sein.

Das bekannte Fairtrade-Siegel

Anders als das neue Programm-Siegel ist das Fairtrade-Siegel ein Produkt-Siegel auf der Verpackung. An diesem Siegel erkennen Verbraucherinnen und Verbraucher, dass das Produkt gemäß den Standards von Fairtrade International zertifiziert wurde. Es gilt die Regel: Die Zutaten, die es fair gehandelt gibt, müssen auch zu Fairtrade-Bedingungen eingekauft werden, damit dieses Produkt das Fairtrade-Siegel tragen darf.

Noch mehr Siegel-Verwirrung?

Das Fairtrade-Kakaoprogramm ist laut Fairtrade-Deutschland ein Programm-Siegel für Rohstoff-Zertifizierung, kein Produkt-Siegel. Trotzdem darf es aber auf dem Produkt abgebildet werden. Das ist missverständlich, denn das Programm-Siegel hebt sich in der Gestaltung aus Sicht der Kritiker nicht deutlich genug vom bekannten Produkt-Siegel ab. Kundinnen und Kunden könnten annehmen, es handele sich doch um ein fair gehandeltes Produkt mit besonderer Unterstützung von Kakaobauern. Es könnte trotzdem als Produkt-Siegel wahrgenommen werden. Hinzu kommt noch das Prinzip Mengenausgleich:
Das heißt, der Kakao, der von einem Konzern in irgendeiner Menge eingekauft wurde, muss nicht einmal physisch in Schokoladen mit dem Programmsiegel enthalten sein. Das ist selbst für „Insider“ nicht leicht nachzuvollziehen. Denn: Beim Programm-Siegel geht es nicht um ein Produkt, sondern um ein Projekt zur Absatzsteigerung von fair gehandeltem Kakao im Allgemeinen. „Die neuen Regelungen zum Fairtrade-Kakaoprogramm sind aus unserer Erfahrung nur schwer vermittelbar, auch wenn Fairtrade International und TransFair immer offen kommuniziert haben“, so auch GEPA-Geschäftsführer Vertrieb, Thomas Speck. Es bestehe die Gefahr, dass sich Verbraucherinnen und Verbraucher enttäuscht vom Fairen Handel abwenden, weil ihr Vertrauen in das bekannte Fairtrade-Produkt-Siegel schwindet.

Chancen für die Kakaobauern?

Fairtrade International meint, dass die neuen Programme den Kakao-, Zucker- und Baumwollproduzenten die Chance bietet, höhere Absätze unter Fairtrade-Bedingungen zu erreichen. Mit diesen Programmen sollen noch mehr Kleinbauern erreicht werden, die bislang noch nicht von Fairtrade profitieren konnten. Kakaoproduzenten verkaufen bisher nur einen geringen Anteil ihrer Ernte zu Fairtrade-Bedingungen:
Der Marktanteil von Fairtrade-zertifiziertem Kakao liegt in Deutschland bei nur 0,2 Prozent. Dieser Anteil soll mit den neuen Programmen erhöht werden. Es gibt aber auch Produzenten, die die Einführung dieser Programme sehr kritisch sehen. Sie sehen u.a. die Förderung der Kleinproduzenten gefährdet, da es bei den neuen Programmen darum geht, möglichst große Mengen für die Schokoladenindustrie zur Verfügung zu stellen. Kleinere Organisationen können das gar nicht leisten. Es wird befürchtet, dass am Ende nicht die kleineren Organisationen davon profitieren, sondern solche, die sowieso schon entsprechende Mengen anbieten können.
"In Schokoladen, die das Fairtrade-Siegel tragen, sollten die Hauptzutaten von Kleinbauern-Organisationen stammen, die wirklich die Prinzipien des Fairen Handels umsetzen und praktizieren."
(Bernardo Apaza, Mitglied und Vertriebsleiter der Kakao-Genossenschaft El Ceibo, Bolivien.)

Rübenzucker statt Rohrzucker?

Foto: GEPA/ A. Welsing

Kritisiert wird an den neuen Programmen auch, dass die Zuckerbauern dabei auf der Strecke bleiben könnten. Denn wenn ein Unternehmen Fairtrade-Rohkakao einkauft, den Zucker aber nicht, bedeutet das für die Zuckerbauern in den Ländern des Südens einen Absatzrückgang. Da die Kakao-Rohwarensicherung für die Schokoladenindustrie von immenser Bedeutung ist, bleibt zu befürchten, dass der Rohrzucker aus den Ländern des Südens durch den billigen Rübenzucker aus der EU ersetzt wird.

Niedrige Hürden für die Industrie

Foto: GEPA/ A. Welsing

Kauft ein Händler Fairtrade-zertifizierten Kakao, verpflichtet er sich in einem Drei-Jahres-Vertrag, eine „relevante Menge“ an Fairtrade-zertifiziertem Kakao einzukaufen und die entsprechende Menge in der Schokoladenproduktion weiterzuverarbeiten. Was genau mit „relevanter Menge“ gemeint ist und wie verbindlich das Drei-Jahres-Programm ist, geht aus den bisherigen Informationen zu den Programmen nicht hervor. Es wird sich zeigen, wie die Programme konkret umgesetzt werden.
Kritiker sagen, dass es den großen Händlern mit dem Kakao-Programm sehr leicht gemacht wird, an die heiß begehrte Rohware Kakao zu kommen, um eine langfristige Rohstoff-Sicherung zu erreichen. Denn Tatsache ist, dass die Kakao-Produktion weltweit zurückgeht.
Darum wird es künftig um die Rohstoffsicherung der immer wertvoller werdenden Rohware Kakao gehen. Der Schokoladenindustrie gehe es primär darum, genügend Rohware zu erhalten und weniger darum, Kleinbauern wirklich zu fördern, so die Kritiker der Programme, denn:
Die bestehenden Fairtrade-Standards gibt es seit vielen Jahren. Hätte die Industrie ein echtes Interesse, die Einkommen der Kleinbauern langfristig zu steigern, hätte sie die Möglichkeit sicher seit vielen Jahren gehabt. Aber vielen großen Händlern scheint es zu kostenintensiv zu sein, alle Zutaten, die es fair gehandelt gibt, auch fair gehandelt einzukaufen. Mit dem Kakao-Programm kann die Schokoladenindustrie Fairtrade-Schokolade viel billiger produzieren, ihren Nachschub an der „heiß begehrten“ Rohware Kakao sichern und zeigen, dass sie sich der Nachhaltigkeitsthematik bewusst ist.

Fairer Handel ist mehr als Fairtrade-Prämie

Wenn die Kakao-Kooperativen mehr Kakao zu Fairtrade-Bedingungen verkaufen, erhalten die Genossenschaften unterm Strich auch mehr Fairtrade-Prämie. Denn: Für jede Tonne Fairtrade-Kakao erhalten die Genossenschaften eine Fairtrade-Prämie in Höhe von 200 US-Dollar. Je mehr Fairtrade-Kakao also verkauft wird, desto höher ist die Prämiensumme für die Genossenschaft. Mit der Prämie kann die Genossenschaft in Gemeinschaftsprojekte investieren. Andererseits sollte der Faire Handel nicht allein auf die Auszahlung der Fairtrade-Prämie reduziert werden. Denn: Langfristig geht es um Strukturveränderungen, d.h.: Gerechtere Handelsstrukturen weltweit für alle und eine Stärkung der Marktposition besonders für kleine Produzentinnen und Produzenten.

Auf dem Foto zu sehen sind Mitglieder der Kakao-Genossenschaft COOPROAGRO, Dominikanische Republik. Mit der Fairtrade-Prämie wurde die Fußgängerbrücke finanziert, auf der die Kakaobauern stehen.

Fairtrade light?

Zahlreiche Akteure im Fairen Handel sehen in dieser Entwicklung eine Verwässerung des Fairen Handels, sozusagen eine Spirale nach unten: Bewährte Fairtrade-Standards weichen neuen Regelungen. Mit der Herabsetzung des Fairtrade-Mindestanteiles bei Mischprodukten auf 20 Prozent begann vor einigen Jahren dieser Trend.
Hinzugekommen ist dann noch die Regelung zum Mengenausgleich. Diese erlaubt bei der Verarbeitung der Produkte Tee, Fruchtsäfte, Kakao und Zucker eine Vermischung fair gehandelter Rohwaren mit nicht-fair-gehandelten Rohwaren. Auch hier gilt für die Produkte der 100% Fair-Händler wie dwp, El Puente oder GEPA: es findet kein Mengenausgleich in der Verarbeitung statt. Damit hängt die physische Rückverfolgbarkeit zusammen, die ja besagt, dass auch die Rohware im Produkt drin ist, die fair gehandelt eingekauft wurde.

Chance verpasst?

Foto: GEPA/ A. Welsing

Viele Verbraucher/innen und Akteure im Fairen Handel sehen in dem neuen Programm-Siegel eine verpasste Chance: Nämlich die Chance, auch die großen Händler und Einkäufer in die Pflicht zu nehmen, faire Bedingungen beim Einkauf aller der Rohstoffe zu gewährleisten, die es auch fair gehandelt gibt. Umgekehrt habe jetzt die Industrie ihre Bedingungen durchgesetzt.
Zahlreiche Fair-Händler, auch die GEPA, bedauern diese Entwicklung. Denn eines steht fest: Fairen Handel und Nachhaltigkeit gibt es nicht zum Nulltarif.

Auf dem Foto zu sehen sind Zuckerbäuerinnen und -bauern der Organisation ATC (Philippinen) bei der Arbeit auf den Zuckerrohrfeldern.
Von ATC bezieht die GEPA seit vielen Jahren den Mascobado-Vollrohrzucker.

GEPA - THE FAIR TRADE COMPANY
Hintergrundgrafik, die den Viewport komplett ausfüllt